Vom Anfang der Geschichte

Zeitungsartikel sind auf den Tag genau datiert. Fernseh- und Radiosendungen werden zu bestimmter Uhrzeit ausgestrahlt. Bei den Neuen Medien speichert der Computer sekundengenau die Zeitpunkte für Bearbeitung und Veröffentlichung. Dadurch sind für die Geschichtsschreibung der jüngsten Zeit in der Regel genug Anhaltspunkte gegeben, um eine befriedigende Gesamtschau zu erhalten.

Natürlicherweise wird die Informationsdecke immer dünner, je weiter man in die Vergangenheit zurück reichen will. Und auch die einzelnen Daten, die wir haben, verlieren immer mehr an Genauigkeit. Schließlich kommt man zu einem Punkt, an dem man nicht mehr rekonstruieren kann, was sich überhaupt und geschweige denn im einzelnen zugetragen hatte. Man kann nur noch raten, wovon uns dieses oder jenes Einzelstück noch Zeuge sein will.

Der früheste Punkt, an dem die schriftlichen Zeugnisse zahlreich genug sind, um ein Geschichtsbild zu zeichnen, ohne auf andere Quellen angewiesen zu sein, markiert den Übergang von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte. Die nicht-schriftlichen Funde dienen dann hauptsächlich als Unterstützung. Die vorgeschichtliche Zeit wird nochmals unterteilt in Frühgeschichte, für die zwar schon Schriftgut vorhanden ist, aber die nicht-schriftlichen Funde die hauptsächlichen Quellen darstellen.

Der genaue Zeitpunkt für den Übergang von Vorgeschichte in die Geschichte, ist natürlich je nach Region verschieden. Für manche Regionen gibt es eine ausreichende Menge an Schriftmaterial eben schon viel eher. Ein damit einhergehendes Problem ist die Frage, wie man die Abläufe für die verschiedenen Weltregionen miteinander synchronisiert. Dazu müssen genügend Übereinstimmungen gefunden werden, Äußerungen zu den gleichen Ereignissen im Schriftgut aus unterschiedlichen Regionen gefunden werden.

Für die letzten 2600 Jahre, das ist von etwa 600 v. Chr. bis heute, können wir die vorhandenen Fundstücke recht sicher in einen gemeinsamen Ablauf bringen. Wir können mit einer bestimmten Sicherheit sagen, daß die Römer gegen die Samniten Krieg führten, als Alexander der Große das Perserreich eroberte. Das ist freilich weiterhin ein Rekonstruktion, wie alles in der Geschichtswissenschaft, aber diese steht auf relativ sicherer Grundlage. Für die Zeit vor 600 v. Chr. ist so eine Grundlage aber nicht erreichbar. Zu wenige Bezüge zwischen den Chronologien, zu ungenaue Datierungen, zu wenig naturwissenschaftliche Erkenntnis stehen uns dazu zur Verfügung.

Bedenkt man diese Sachlage, sollte einem klar werden, daß jedes Bild welches eine Geschichte für die Welt von vor 600 v. Chr. zeichnet, mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Und Datierungen zu jener Vorzeit als Tatsache hinzustellen ist schlichtweg unseriös. Ganz gleich, welche Theorie man stärken oder schwächen möchte.

Für eine Skizzierung der weltgeschichtlichen Abläufe ergibt sich ein zentraler Ausgangspunkt: die komplette Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahre 586 v. Chr. markiert den Übergang von der Vorgeschichte zur Weltgeschichte.

Hier laufen erstmals alle Fäden zusammen: das Ereignis läßt sich, zwar nicht sekundengenau, aber eben jahresgenau (monatsgenau vielleicht sogar) festmachen und zwar in unterschiedlichen Chronologien aus verschiedenen Regionen. Dieses Ereignis läßt sich auch mit den biblischen Chronologien abgleichen.

Natürlich sollte das nicht davon abhalten zu versuchen auch die Abläufe der vorherigen Zeitalter zu rekonstruieren. Aber wir werden dafür immer multidisziplinär arbeiten müssen. Für Geschichte alleine jedenfalls, fehlt uns zur Zeit das Material, um Thesen aufzustellen, die kohärenter Argumentation folgen ohne dabei mit Unterstellungen an Aberglaube oder Phantasterei auszukommen. Aber vielleicht geschehen ja noch Wunder und die Archäologen beglücken uns mit vielfachem Fund. Hoffen darf man ja.

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