{1.} Was ist das „Vollkommene“ in 1. Korinther 13, 10?

Die Popularität einer Frage

Dieser Frage gingen wir im Bibelforum immer wieder nach, hauptsächlich in den drei Strängen zu Was ist das „Vollkommene“? und Wenn das Vollkommene ankomme; 1.Kor.13,10 und Das Vorläufige und das Vollkommene und auch im Artikel Steht nicht in der Bibel dass die Geistesgaben aufhören werden? wird sich damit befasst.

1. Korinther 13, 10 (Schlachter 2000):wenn aber einmal das Vollkommene da ist, dann wird das Stückwerk weggetan.

Warum diese Frage so heiß diskutiert wird und welche Antwort die richtige ist, dazu will ich hier schreiben.

Die Frage wird von Ron folgendermaßen formuliert:

Was ist das Vollkommene, welches das Vorhandensein der „Stückwerke“ ab seinem Vorhandensein überflüssig sein lässt? (Ich meine nicht: Was wird dann aufhören, nur, was wird das Vollkommene sein!!)

Er grenzt extra damit ein, daß es ihm nicht darum geht was überflüssig sein würden werde. Aber, ohne es zu merken, ist seine Frage auch selber vorbestimmend, denn er unterstellt ein „überflüssig sein“ einiger Dinge; welcher Dinge auch immer.

Aber ist denn hier wirklich davon die Rede, daß etwas überflüssig sein werde würde?

Jedenfalls zeigt es, wie schnell man einen Bibeltext durch eine vorhandene Brille lesen kann, ohne es selbst zu merken. Denn Ron wollte ja in möglichst objektiver Weise fragen.

Mit der ersten Antwort in dem Forumsstrang gab Joerni einen guten Überblick über die Situation (im evangelikalem Lager):

Es gibt drei Richtungen der Auslegung des Wortes „das Vollkommene“:
1. Die Vervollständigung des biblischen Kanons
2. Die endgültige Reife der christlichen Gemeinde
3. Die persönliche Begegnung mit Gott bei der Entrückung / Wiederkunft / etc.

Nr. 1 wäre schon eingetroffen, Nr. 3 noch nicht und über Nr. 2 wird viel gestritten.

Er spricht sich dann für die Variante Nr.3 aus. Nachdem er alle drei vorher kurz angesprochen hatte, was wir hier auch tun wollen.

Es ist natürlich eine gewisse Brisanz gegeben, wenn persönliche Entscheidungen von einem einzelnem Bibelvers abhängig gemacht werden. Etwas, was man meiner Meinung nach nicht tun sollte. Die Bibel spricht von dem Prinzip der zwei Zeugen, besser währen drei. Und manchmal sollte man tatsächlich auch so weit gehen und die außerbiblischen Faktoren mit zu berücksichtigen.

Bei welchem Thema Paulus eigentlich war

Nach der Behandlung der drei Varianten gehen wir noch weiter, denn hier kann ich Paulus zitieren: „Strebt aber nach den größeren Gaben! Und ich will euch einen noch besseren Weg zeigen.“

Dieser Vers bietet den Kontext (d. h. Zusammenhang) für die fragliche Stelle. Er ist der letzte Vers des vorhergehenden Kapitels. Dort schrieb Paulus über die Geistesgaben und weiteres zum Zusammenleben der Gläubigen. Und nachdem er darüber gesprochen hatte, geht er nun über, zu diesem besseren Weg. Dann fängt er an über diesen besseren Weg zu sprechen, die Bibelarbeiter haben hier den Beginn des 13. Kapitels gesetzt. Der Apostel spricht über die Liebe, deshalb wird dieser Bibelabschnitt auch manchmal als Hohelied der Liebe bezeichnet. Das griechische Wort, welches hier mit Liebe übersetzt wird ist ἀγάπη was üblicherweise mit Agape transliteriert wird.

Und dann geht er über und spricht von der Agape-Liebe. Was wir hier sehen ist ein bei Paulus übliches Verfahren, das übrigens auch von vielen anderen Autoren und Schriftstellern verwendet wird und wurde. Das man das Thema des nächsten Abschnittes im Schluß des vorhergehenden Abschnittes anklingen lässt.

Dies geschieht hier, im letzten Vers Kapitel 12 spricht Paulus von dem „besseren Weg“ und in Kapitel 13 spricht er dann über diesen besseren Weg, den er die Agape-Liebe nennt. Das wirft die Frage auf, worum es denn im 14. Kapitel (bzw. in dem darauf folgenden Sinnabschnitt) geht, denn das könnte uns Hinweise geben auf die Bedeutung unserer Bibelstelle die wir hier untersuchen. Schließlich steht sie im Schlußakkord des Abschnittes über die Liebe!

Nun, das nächste 14. Kapitel fängt mit den Worten an:

“Strebet nach der Liebe! Fleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget!”

Der Apostel geht also über zu der Frage wonach denn zu streben sei. Dies macht auch Sinn! Denn, er sagte ja gerade, was der bessere Weg sei, die Agape-Liebe, und das wirft natürlich die Frage auf, wie man auf diesen Weg kommt. Nicht wahr?

So erklärt er dann auf, daß die geistlichen Gaben zwar eine Rolle spielen können, aber eine vorstehende Rolle erhält die Weissagung. Dies in Vers 1 und in Vers 2-3 folgt dann die Gegenüberstellung von Weissagung und Zungenrede und ab geht die Post hinein ins 14. Kapitel eben über diese Dinge.

Gehen wir zurück an den Schluß des 13. Kapitels und begeben uns auf die Suche nach der Weissagung bzw. dem Themenstrauß des 14. Kapitels, so sehen wir im 11. Vers einen Hinweis auf das Wachstum der Gemeinde im Glauben, ein Stichpunkt der uns im 4. Vers des 14. Kapitels wiedergespiegelt wird.

Soweit wäre der Kontext eingekreist. Uns sollte bis hierhin klar geworden sein, um welche Art Thema es hier ungefähr gehen kann und wo unsere Bibelstelle in etwa steht.

Was können uns die Übersetzer dazu sagen?

Gehen wir nochmal auf Joernis Forumsbeitrag zu: “

Es gibt in der ganzen Bibel kein einziges Mal, wo vom Abschluss des biblischen Kanons mit dem Terminus „das Vollkommene“ (to teleion) gesprochen wird. Das ist m.E. eine „Eisegese“ (ein Hineinlesen in die Bibel von Dingen, die man darin finden will)

Damit spricht er zwei Dinge an, die für uns hier interessant sind. Zum einen die Diskussion im evangelikalen Lager über die Geistesgaben. Dies wird wohl der Hauptgrund sein, warum viele so viel über diese Stelle sprechen. Das ist eine Hauptmotivation diese Stelle korrekt zu verstehen, aber ist es auch eine gute Motivation? Kann man erwarten, daß Gott einem das rechte Verständnis gibt, wenn der Grund der Frage solcher Stolz ist?

Das andere ist natürlich die Frage nach dem griechischem Wort to teleion, einerseits sowieso bei der Bibelarbeit, aber hier insbesondere, weil unsere ganze Frage ja die Bedeutung eines einzigen Wortes darstellt!

Mit also diesen drei Aspekten des Kontextes: die Position der Frage in der christlichen Subkultur, die Ortung der besagten Bibelstelle im Ablauf des paulinischen Schreibens, des biblischen Gebrauches des Griechischen, sollen die nächsten Einträge in dieser Blogserie zum Thema 1. Korinther 13, 10 bestritten werden.

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